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Forschungsgeschichte
Der Monte San Giorgio
im Südtessin an der Grenze zu Italien ist nicht nur bei Fachleuten
und interessierten Laien, sondern auch bei einem breiteren Publikum als
"Berg der Saurier" bekannt. Die fossilreichen Schichten sind
schon im letzten Jahrhundert bei Besano auf italienischem Gebiet entdeckt
und von Mailänder Wissenschaftern untersucht worden. Beim bergmännischen
Abbau von "Ölschiefer" kamen immer wieder Reste von Fischen
und Reptilien zum Vorschein. Aus den bituminösen Tonsteinen wurde
durch trockene Destillation das "Saurolo" gewonnen, das als
Ausgangsprodukt zur Herstellung einer pharmazeutischen Bituminatsalbe
diente. 1919 wurde der Zoologe und Paläontologe B. Peyer bei Meride
auf Schweizer Seite auf die Versteinerungen aufmerksam. Von 1924 bis 1975
führte die Universität Zürich in verschiedenen Schichten
systematische Grabungen durch. Dabei konnte überaus reichhaltiges
Fossilmaterial an Meeressauriern und -fischen, aber auch an wirbellosen
Tieren und Pflanzen geborgen werden. Zur Zeit sind 20 verschiedene Saurier-
und 50 verschiedene Fischarten nachgewiesen. Die Grabungen, finanziert
aus Mitteln des Kantons Zürich, des Schweizerischen Nationalfonds
und von Stiftungen, standen unter der Leitung von B. Peyer, E. Kuhn-Schnyder
und H. Rieber. Die wichtigsten Funde wurden in Zürich präpariert
und wissenschaftlich bearbeitet. Eine Auswahl der besten Stücke sind
in den Museen von Zürich, Lugano und Meride dem Publikum direkt zugänglich.
Nach 19-jährigem
Unterbruch begann das Zürcher Museum 1994 wieder mit kleineren Grabungen,
die seither unter Leitung von H. Furrer in Zusammenarbeit mit dem Museo
di storia naturale Lugano und finanzieller Unterstützung durch den
Kanton Tessin weitergeführt werden. Ziele der neuen Grabungen sind
nicht in erster Linie spektakuläre Saurierskelette, sondern detaillierte
Untersuchungen interessanter Schichtabschnitte in den Meride-Kalken. Dazu
gehören sorgfältige Beobachtungen und Dokumentationen zur Art,
Verteilung und Häufigkeit der Fossilien in der Schichtreihe und innerhalb
einzelner Bänke. Auch einzelne Knochen, Koprolithen, Kalkalgen und
Mikrofossilien wie Foraminiferen und Ostracoden sind wichtig. Erst die
Erfassung aller tierischen und pflanzlichen Fossilien erlaubt einigermassen
fundierte Aussagen zum damaligen Ökosystem, also zu den damaligen
Lebensgemeinschaften, den Beziehungen der Organismen untereinander (z.B.
Nahrungsketten) und zu ihrer Umwelt. Die Erhaltung der Fossilien und der
Aufbau der Gesteine (Sedimentologie, Geochemie und Diagenese) sollen weitere
Hinweise zur Entstehung der Wirbeltier-Fundschichten liefern.
| Ticinosuchus |
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Fische und
Meeressaurier
Gut erhaltene
Reste von Wirbeltieren wurden am Monte San Giorgio in fünf
verschiedenen Schichten gefunden, die in der Mitteltrias-Zeit, also
vor etwa 230 bis 240 Millionen Jahren entstanden sind. Die meisten
Funde stammen aus der Grenzbitumenzone, einer 16 m dicken Wechsellagerung
von bituminösen Dolomitbänken und dünneren Lagen
schwarzer, bituminöser Tonsteine ("Tonschiefer").
Besonders artenreich ist der mittlere Abschnitt der Grenzbitummenzone,
der früher in der Val Porina und der Cava Tre Fontane bergmännisch
ausgebeutet wurde. Dort wurden bei Grabungen in und ausserhalb der
Stollen die ersten bedeutenden Funde gemacht. Die grösste systematische
Grabung ("P. 902" beim Aufstieg von Serpiano zum Monte
San Giorgio) dauerte von 1950 bis 1968. So stammen alle Fischsaurier
(Ichthyosauria), Pflasterzahnsaurier (Placodontia) und Knorpelfische
(Chondrichthyes) aus der Grenzbitumenzone. Ebenso Paranothosaurus,
der grösste Paddelsaurier (Sauropterygia), die meisten Exemplare
des Giraffenhalssauriers
Tanystropheus und der einzige grössere Landsaurier Ticinosuchus.
In den Tonsteinen sind die Wirbeltierfossilien auffallend gut und
oft als vollständige Skelette erhalten geblieben. Sie sind
aber immer flachgedrückt. In den Dolomitbänken sind sie
weniger deformiert. Nur in den dolomitischen Bänken kommen
neben häufigeren wirbellosen Tieren auch selten Kalkalgen und
Landpflanzen vor.
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| Tanystropheus |
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Dank
zahlreichen Leitfossilien, wie Ammonoideen und dünnschaligen Muscheln
der Gattung Daonella, konnte gezeigt werden, dass die Grenzbitumenzone
zur Zeit der späten Mitteltrias-Stufen Anis- und Ladin-Stufe der
Mitteltrias entstanden ist. Hochauflösende Einzelkorn-Datierungen
an Zirkonen aus einer vulkanischen Aschenlage (Bentonit) unterhalb dieser
Grenze ergaben ein radiometrisches U-Pb-Alter von 241-242 Millionen Jahren.
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Neusticosaurus
, Pachypleurosauride |
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Neusticosaurus
pusillus
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Auch in jüngeren
Schichten der Mitteltrias am Monte San Giorgio (untere Meride-Kalke und
Kalkschieferzone der obersten Meride-Kalke)
sind Reptilien und Fische gefunden worden. Allerdings zeigen die geringere
Artenzahl und das seltene Vorkommen von Wirbellosen deutlich verschlechterte
Lebensbedingungen an. In den unteren Meride-Kalken wurden drei fossilreiche
Horizonte entdeckt. Die Cava-inferiore-Schichten mit dem kleinen Pachypleurosaurier
Neusticosaurus pusillus wurden von 1927 bis 1941 an diversen Lokalitäten
untersucht. Aus diesem Niveau stammt das schönste Exemplar von Ceresiosaurus
calcagnii sowie eine grössere Anzahl von Schmelzschuppenfischen.
In den Cava-superiore-Schichten mit Neusticosaurus peyeri und Ceresiosaurus
calcagnii wurde nur 1928 an der Lokalität Acqua del Ghiffo gegraben.
Die Cassina-Schichten mit dem grossen Pachypleurosaurier Neusticosaurus
edwardsii wurden 1933 und von 1971-1975 bei der Cassina detailliert studiert.
Neben drei Exemplaren von Ceresiosaurus, einem Macrocnemus und einem Tanystropheus
wurden viele gut erhaltene Knochenfische (v.a Saurichthys) gefunden. Aus
den jüngsten Schichten der Meride-Kalke, der Kalkschieferzone sind
bisher vor allem kleine Fische, kleine Krebse, Pflanzenreste und ein Paddelsaurier
(Lariosaurus) gefunden worden.
Lebens-
und Ablagerungsraum in der Mitteltrias
Die
Gesteine der Grenzbitumenzone und der Meride-Kalke gingen aus Ablagerungen
hervor, die am Grunde eines etwa 100 m tiefen Meeresbeckens von mindestens
20 km Durchmesser entstanden sind. Dieses flache Becken gehörte zu
einer breiten Karbonatplattform und war wohl durch Riffe und Kalksandbarren
weitgehend vom offenen Meer abgetrennt. Gleichaltrige Flachwassergesteine
sind vom San Salvatore bei Lugano und auf italienischem Gebiet östlich
von Porto Ceresio bekannt. Vermutlich gehörten die Beckensedimente
des Monte San Giorgio zum gleichen Ablagerungsraum wie die etwa gleichaltrigen
Perledo-Varenna-Kalke an der Ostseite des Comersees, die seit 1847 durch
ihre Wirbeltierfossilien bekannt sind. Diese plattigen Kalke verzahnen
sich gegen Osten mit der Plattformfazies des Esino-Kalks. Die eingeschränkte
Wasserzirkulation und möglicherweise eine stabile Wasserschichtung
durch schwereres salzreicheres Bodenwasser führte zu Sauerstoffmangel
am Grund dieses Beckens. Deshalb konnte die organische Substanz der aus
dem reich belebten Oberflächenwasser absinkenden toten Lebewesen,
vorwiegend Bakterien, einzellige Pflanzen und Tiere, nicht oder nur teilweise
verwesen. Im lebensfeindlichen Faulschlamm, der heute als bituminöser
Tonstein vorliegt, wurden die Skelette abgesunkener Kadaver von Sauriern
und Fischen hervorragend konserviert. Bei der späteren Kompaktion
des ursprünglich sehr wasserreichen Faulschlamms sind die eingebetteten
Skelette plattgedrückt und die Knochen teilweise zerbrochen worden.
Die bituminösen Tonsteine, Dolomite und Kalke sind typische Erdöl-Muttergesteine.
Ähnliche Vorkommen unter den mächtigen jüngeren Sedimentgesteinen
der Po-Ebene dürften die Quellen für die dortigen Öl- und
Gas-Felder gebildet haben.
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Mixosaurus
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Geologische Geschichte
des Südtessins
Der Monte San Giorgio
besteht aus verschiedenartigen Gesteinen der Perm- und Trias-Zeit, deren
Schichten gegen Süden unter die Poebene einfallen. Auf dem kristallinen
Grundgebirge liegen mächtige vulkanische Gesteine der Perm-Zeit,
die vor 280 Millionen Jahren in Grabenbrüchen auf einem alten Kontinent
(Pangäa) entstanden sind. Darüber folgen Sandsteine und eine
mächtige Serie von Dolomit- und Kalkgesteinen der Trias, die vor
240 bis 205 Millionen Jahren im warmen Wasser eines flachen Schelfmeeres
des weltumspannenden Tethys-Ozeans abgelagert wurden. In der frühen
Jura-Zeit, vor 205 bis 190 Millionen Jahren zerbrach der Superkontinent
Pangäa und das heutige Südtessin lag am Nordrand des Südkontinents
Gondwana, der immer mehr vom Nordkontinent Laurasia wegdriftete. Auf untermeerischen
Schwellen blieben wenige Meter mächtige bunte, fossilreiche Kalke
und Breccien erhalten, die als jurassische Spaltenfüllungen in den
Steinbrüchen von Arzo aufgeschlossen sind. Gleichzeitig wurden in
einem benachbarten Becken einige tausend Meter mächtige kieselige
Kalke abgelagert, die heute den Monte Generoso aufbauen. In der späten
Jura- und frühen Kreide-Zeit lag das ganze Gebiet am Grund eines
tiefen Ozeans, der in der späten Kreide- und frühen Tertiär-Zeit
durch die beginnende Alpenfaltung immer stärker eingeengt und schliesslich
eliminiert wurde. Dabei wurden die inzwischen verfestigten Sedimente zerbrochen,
steilgestellt und allmählich über den Meeresspiegel gehoben.
Durch die anhaltende Erosion von Wasser und Eis sind nun die alten Gesteinsarchive
wie die Seiten eines Geschichtsbuches offengelegt.
Geotop Monte San
Giorgio - ein kantonales Schutzgebiet
Das ganze Gebiet des
Monte San Giorgio ist seit 1974 ein kantonales Schutzgebiet, in dem das
Suchen von Fossilien nur mit Bewilligung gestattet ist. Als weltweit einmalige
Fossil-Lagerstätte der Mitteltrias ist das ganze Gebiet auch ein
bedeutendes Geotop von internationaler Bedeutung, d.h. ein schützenswertes
geologisch-paläontologisches Objekt. Der Kanton Tessin hofft, dass
der Bund nächstes Jahr den Monte San Giorgio zur Aufnahme in die
Liste der Weltkulturerbe der UNESCO vorschlägt.
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Macrocuemus
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Dr.
H. Furrer
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